Workshop
Nachwuchsworkshop der Deutsch-Ukrainischen Historischen Kommission in Kyjiw (2019)
Vom 7. bis 10. September 2019 veranstaltete die Deutsch-Ukrainische Historische Kommission in Kooperation mit dem Nationalmuseum zur Geschichte der Ukraine im Zweiten Weltkrieg in Kyjiw einen internationalen Nachwuchsworkshop zum Thema „Die Geschichte der Ukraine zwischen 1939 und 1950 in Selbstzeugnissen“.
Im Zentrum des Workshops stand die Frage, wie autobiographische Dokumente - Tagebücher, Briefe, Memoiren und mündliche Zeugnisse – als historische Quellen genutzt werden können, um individuelle Erfahrungen in Zeiten extremer Gewalt sichtbar zu machen. Der biographische Zugang eröffnete dabei neue Perspektiven auf zentrale Themen wie Kollaboration, Widerstand, Verfolgung und Überleben im Kontext zweier totalitärer Regime.
Die Teilnehmenden präsentierten ihre Forschungsprojekte und diskutierten unterschiedliche methodische Zugänge zur Analyse von Ego-Dokumenten. Dabei wurde deutlich, dass diese Quellen weniger objektive Realität abbilden als vielmehr individuelle Deutungen und Sinnbildungsprozesse widerspiegeln. Gleichzeitig bieten sie einen einzigartigen Zugang zu bislang marginalisierten Stimmen und Erfahrungen.
Ein besonderes Augenmerk galt der Überwindung klassischer Periodisierungen. Der Workshop zielte darauf ab, die Kontinuitäten und Verflechtungen zwischen nationalsozialistischer Besatzung und stalinistischer Herrschaft herauszuarbeiten und die Komplexität individueller Biografien sichtbar zu machen.
Ein integraler Bestandteil des Programms waren Besuche zentraler Erinnerungsorte in Kyjiw, darunter Babyn Jar und Bykivnja - Orte massiver Gewaltverbrechen sowohl der nationalsozialistischen als auch der stalinistischen Herrschaft. Diese Exkursionen ermöglichten eine unmittelbare Auseinandersetzung mit den historischen Ereignissen und deren gegenwärtiger Erinnerungskultur.
Der Workshop zeigte eindrücklich das Potenzial autobiographischer Quellen für die Erforschung der ukrainischen Geschichte und leistete zugleich einen wichtigen Beitrag zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses sowie zur Vertiefung der deutsch-ukrainischen Forschungskooperation.